Mein Umweg über London nach Dagobertshausen

22. September 2020 | Identität

Angela war jung, lachte viel, versprühte unheimlich viel positive Energie und Lust am Leben. Sie war meine erste Englischlehrerin und ich bewunderte sie sehr. Dann verschwand sie über Nacht und ich verstand die Welt nicht mehr. Viele Monate später lag eine Postkarte aus London in unserem Briefkasten und ich verstand: sie hatte das Land verlassen, war in den Westen abgehauen. Ich vermisste sie schrecklich, aber Sie hatte mir ein Bild zu meiner Sehnsucht geschickt: eine Abbildung des Big Ben. Meine Begeisterung für die Sprache hatte eine Kontur bekommen!

Brandenburg

Meine ersten Lebensjahre verbrachte bin ich weit weg von Thüringen, in Großbeeren bei Berlin. Ich erinnere mich an Rieselfelder und der Gedenkturm mitten im Ort war vom Fenster unserer Wohnung aus zu sehen. Der Weg zum Kindergarten war gesäumt von Knallerbsensträuchern und das Zerdrücken der Früchte zwischen meinen Fingern, die ein leichtes Knacken von sich gaben, faszinierte mich immer wieder. Ich höre noch immer die Pappeln im Hof rauschen.

Meine ältere Schwester Uta brachte mir das Fahrradfahren auf einem großen Damenrad bei und im örtlichen Löschteich lernte damals wohl jedes Kind schwimmen. Man vertraute dabei auf einen Schwimmlehrer, der die besten Erfahrungen damit gemacht hatte, die Kinder einfach ins Wasser zu stoßen: dann schwimmen die schon von allein los! Uta bekommt noch heute eine Gänsehaut, wenn sie daran zurückdenkt. Auch deshalb, weil wir uns immer die Blutegel vom Körper sammeln mussten, wenn wir aus dem Wasser kamen.

Thüringen

Der Wunsch meiner Mutter war damals groß, in der Nähe der eigenen Eltern zu leben. Nach ihrer Schulzeit hatte es sie zur Gärtnerausbildung in das wunderschöne Dresden und anschließend zur Arbeit in einem wissenschaftlichen Institut nach Potsdam verschlagen und es wurde für Sie Zeit, nach Hause zurück zu kehren. So zogen wir in den letzten Ferien vor meiner Einschulung nach Thüringen, nach Mühlhausen. Die Stadt hat mich geprägt: mit ihrer alten Stadtmauer, dem hohen Graben, dem Frauentor, dem Löwen und dem typisch modrigen Geruch der Schwemmnotte – einem kleinen Flüsschen, das durch die Stadt fließt.

Nach der Begegnung mit Angela, meiner ersten Englischlehrerin, wollte ich unbedingt den gleichen Beruf ergreifen. Als Kind der DDR konnte ich solche Träume formulieren und entsprechende schulische Leistungen vorweisen. Ob es damit für ein Studium reichte, entschieden jedoch Andere. So war es auch bei mir: Lehrerin, ok. Aber bitte Grundschule und Musik – schließlich kann sie gut singen!

Hessen

Die Wende bot mir die Gelegenheit, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und ich wechselte nach Kassel an die Uni und begann ein Studium für Anglistik.

So kam ich vor 30 Jahren das erste Mal nach Nordhessen. Die Geburt unseres Sohnes Conny und die Begegnung mit unserem Haus vor 22 Jahren ließen meinen Mann Oliver und mich hier tiefe Wurzeln schlagen, eine Heimat haben.

Vorsorge Beratungsbüro
das Büro in Dagobertshausen

Das Dörfchen Dagobertshausen im Schwalm-Eder-Kreis ist unsere Heimat geworden, weil dort unser Haus steht. Wir nennen sie liebevoll unsere alte Tante Denkmal. In dem mehr als 200 Jahre alten Fachwerkhaus leben wir nicht nur. Wir fühlen uns eng mit ihm verbunden: hier wuchs unser Sohn Conny auf, mein Beratungsbüro hält das Erdgeschoss besetzt.

Wir sind umgeben von nordhessischen Wäldern und Seen, in denen wir unsere festen Wander- und Joggingrouten haben. Unsere „Ründchen“, wie wir sie nennen,  lassen uns den Wechsel der Jahreszeiten erleben, wissen, wo die große Gruppe Rehe anzutreffen ist, wir wissen, welche schattige Runde an heißen Sommertagen und welchen sonnigen Weg nach vielen trüben Tagen die besten sind. Wir atmen den Duft abgeernteter Felder ebenso wie die Stille im Beisetal.

In London war ich seit Angelas Postkarte einige Male. Eine wunderbare Stadt voller Kultur, Geschichte, Innovation und Leben. Und doch weiß ich heute, dass mir die Cotswolds, Yorkshire und die Stille der schottischen Highlands besser gefallen.

Und so ist aus dem Traum, eine freie und unabhängige Großstädterin zu werden, auf den ersten Blick gar nichts geworden: heute bin ich eine tief im Nordhessischen verwurzelte Unternehmerin, Ehefrau, Mutter und bald auch Großmutter. Ich schätze die Beständigkeit, das Alte. Sie geben mir die Erdung und die Energie, mein Leben weiterhin frei und unabhängig zu gestalten, weit weg vom Big Ben.

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